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Mont Ventoux - das Monster

Es gibt nur einen richtigen Weg auf den Riesen der Provence: Start in Bédoin. Wer den Ventoux ernst nimmt, fährt die klassische Tour-de-France-Auffahrt – alles andere gilt nicht.



Er beginnt wie ein netter Gastgeber – freundlich, fast schon harmlos. Sechs Kilometer lang wiegt er dich in Sicherheit, dann reißt er dir den Boden unter den Reifen weg. Plötzlich hängst du in Steigungen, die dir das Lachen aus dem Gesicht bügeln.


Und genau dann, wenn du glaubst, du würdest hier jämmerlich verenden, schenkt er dir Hoffnung: 3,5 Kilometer vor dem Gipfel taucht er auf, kahl und steinig, mit einer Steigung, die überraschend leicht wirkt. Fast eine Einladung. Du denkst: „Okay, jetzt hab ich’s.“



Aber der Ventoux ist ein Sadist. Bei der Flamme Rouge zeigt er dir, dass er noch Reserven hat. Der letzte Kilometer wird zur Hinrichtung. Er versucht dich abzuschütteln, wie eine lästige Ameise, die er eigentlich schon längst zertreten wollte. Und du weißt: er könnte es jederzeit tun.


Und irgendwo im Kopf spuken die Schatten der Tour-de-France-Legenden mit. Pantani, der hier flog. Armstrong, der hier spielte. Froome, der hier taumelte wie ein Boxer in der zwölften Runde. Und Tom Simpson – der hier 1967 starb, nur wenige hundert Meter vor dem Gipfel. Ein Mahnmal erinnert daran, dass der Ventoux nicht nur Karrieren, sondern auch Leben beendet.



Die Abfahrt? Ein Tanz auf Messers Schneide. Die Geraden schreien nach Tempo, viel mehr Tempo, als irgendein Rest Vernunft zulassen würde. Rechts von dir der Abgrund, so tief, dass du nicht einmal mehr erkennen kannst, wo er endet – nur, dass er dich aufschnappen würde, solltest du auch nur den kleinsten Fehler machen.


Am Gipfel überlebst du. In der Abfahrt überlebst du noch einmal. Und am Ende bleibt nichts als Staub, Schweiß – und das Gefühl, dass du gerade einem Monster entkommen bist.



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